Die in der StV0 vorgeschriebene, akustische Signalvorrichtung zur Abwendung von Gefahrensituationen nennt man umgangssprachlich eine Hupe. Selbst der antike Blasebalg hat unzählige Seelen gerettet, die nicht-sehenden Auges dazu verdammt schienen, in die Hölle zu fahren. „Vorsicht, hier komme ich“: als non-verbales Signal über alle Sprachbarrieren hinweg wurde die Hupe zum effektivsten Lebensretter, lange vor Sicherheitsgurt und Airbag.

Die Fahrradklingel gehört ebenfalls zu den akustischen Signalvorrichtungen, erinnert aber im Klang etwas an das schwarze Schaf der Gattung namens Weckerklingel. Bekannt ist dabei die intra-kulturelle Abneigung gegen dieses Instrument wider den natürlichen Lebensrhythmus. Gesteigerte Abneigung erfahren allerdings seine modernen Nachfahren. Denn mit der globalen Digitalisierung wurde der mechanische Schellenschlag verdrängt vom schmerznahen, elektronischen PIEP-Ton. Und hier beginnt unser kakophonisches Martyrium.

Ich komme von einer Auto-Reise mit einem Cabrio nach Hause. Es ist 5:30 h morgens in meiner ruhigen Wohnstraße und ich sehe einen freien Parkplatz 100 Meter hinter meinem Haus. Ein Geschenk des Himmels finde ich, die Frauenstimme des Navis quäkt jedoch scharf lispelnd durch die sonntägliche Morgenstille: „Bei der nächsssten Möglichkeit bitte wenden!“ Während ich noch bedenke, dass durch das Stoffdach wahrscheinlich die Hälfte der Anwohner das auch hört, entdecke ich einen Mitbewerber für den Parkplatz. Jetzt schnell sein, also Einparken im Old Style. Sicherheitsgurt abgeschnallt . . . PIEP, PIEP, PIEP. Ich ignoriere das ebenso wie die Unmündigkeitserklärung der Warnlampe, denn wie sollte ich mich sonst aus der Tür raushängen, um besser Sicht nach hinten beim Einparken zu haben. PALÜMM, PALÜMM, PALÜMM. Neben der Sicherheitsgurt-Warnlampe leuchtet auf: Fahrertür nicht geschlossen. Ach nee. PIEP, PIEP, PIEP, PALÜMM, PALÜMM, PALÜMM, „Bei der nächsssten Möglichkeit bitte wenden!“ Im Affekt schalte ich versehentlich das Licht jetzt auch noch per Hand ab und bekomme sofort die akustische Quittung: PIEPLAMM, PIEPLAMM, PIEPLAMM, PIEP, PALÜMM, PIEP, PALÜMM und TIWÜTT. Wieso TIWÜTT? Das Auto vermutet wegen der offenen Tür, ich wolle aussteigen und erinnert mich auch optisch daran: „Schlüssel abziehen“. PIEP, PALÜMM, PIEPLAM und TIWÜTT konkurrieren im Quartett mit „Bei der nächsssten Möglichkeit bitte wenden!“ und dem automatisch laut geschaltetem Verkehrsfunk: „Es ist mit erheblichen Behinderungen zu rechnen.“ Das Gefühl habe ich ja schon beim Einparken, als sich hinten links der Park-Warner Gehör verschafft: TIET, TIET-TIET, TIETTIETTIET, TIIIIIIIIIIET. Inzwischen ist das Gehupe, Geklingel und Gepiepse ohrenbetäubend und einzig die lispelnde Frau mit „Bei der nächsssten Möglichkeit bitte wenden!“ gibt Ruhe, nachdem ich einen halben Meter vorwärts korrigiere. In Panik ziehe ich den Schlüssel ab und springe aus dem Auto. Ruhe ist eingekehrt in meiner Wohnstraße und die Fenster der Nachbarn werden wieder zu gemacht. Erleichtert schließe ich das Auto ab und denke: Morgen wirst du abgeschafft. Das Fahrzeug quittiert den Gedanken nach dem Abschließen mit Warnblinker und . . . zweimaligem, gedämpften Hupton.

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