„Lead in Car Software“

Pressemitteilung von Mercedes am 14.01.2021:

Auf dem Weg zu „Lead in Car Software“ – jetzt mit eigenen Programmier-Ideen bei der Mercedes-Benz In-Car Coding Community beteiligen

Was macht man bei Fachkräfte-Mangel? Man zahlt auffällig höhere Gehälter als andere, kultiviert das coole Arbeitsklima oder protzt mit der Work-Life-Balance; am besten mit allem zusammen. Wenn auch das nicht zur erhofften Bewerberflut verhilft, dann macht man einfach einen Wettbewerb, wie jetzt bei Mercedes angelaufen. Zitat:

  • Die In-Car Coding Community soll mit herausragenden Konzeptideen das digitale Fahrerlebnis steigern
  • Internationaler Wettbewerb richtet sich an Software-Entwickler, Data-Scientists sowie Start-ups und Unternehmen
  • Konzepte werden als Apps umgesetzt, um sie direkt in die Mercedes-Benz Modellpalette zu integrieren
  • Mercedes-Benz AG stellt Teilnehmern eigenes Software Development Kit (SDK) sowie weitere Schnittstellen (APIs) zur Verfügung
  • Die besten Lösungen, Prototypen und Apps für die Mobilität der Zukunft bilden die Basis für eine langfristige Kooperation mit Mercedes-Benz

Computer-Nerds könnten sich vom Zugang zum offenen API (application programming interface) blenden lassen, denn üblicherweise ist das für Außenstehende kaum möglich oder mit sehr teuren Lizenzen und rigiden Verträgen verbunden. Oder sie lassen sich vom Image der Marke und dem Prinzip Hoffnung tragen. Aber es ist und bleibt nichts anderes, als ein Casting nach dem Prinzip DSDS; auch wenn international ausgeschrieben. Zitat:

Die In-Car Coding Community hat einen businessorientierten Charakter. „Das ist kein Hackathon, kein Brainstorming, die In-Car Community ist Business“, sagt Georges Massing, Vice President Digital Vehicle & Mobility. „Wir bieten direkten Zugang zu einer der wertvollsten Marken der Welt und seinen Millionen Kunden.“ Teilnehmer, deren Konzepte überzeugen, können sich auf eine langfristige Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz freuen. „Wir suchen nicht nur hervorragende neue Ideen“, sagt Massing. „Wir suchen Partner für die Zukunft.“

So ähnlich lief das über Jahrzehnte im Geschäft der Werbeagenturen ab, wenn sie für einen potenten Kunden in einer Pitch-Präsentation die Grundzüge einer Werbekampagne vorbereiten mussten. Bis die ersten begannen, für solche ausgearbeiteten Vorschläge wenigstens eine Aufwandsentschädigung zu verlangen. In der gesamten Pressemitteilung „Lead in Car Software“ steht nicht ein Wort über Vergütungen, finanzielle Regelungen oder Copyright. Im Software-Bereich mussten die großen Konzerne bisher clevere Ideen von Start-ups über den Zukauf des gesamten jungen Unternehmens erwerben; das ist teuer. Nun versucht man also, für den Nachwuchs mit den passenden Genen gleich Geburtshilfe zu leisten. Zitat:

Nach der Einreichung ihrer Konzeptideen durchlaufen die Bewerber und Bewerberinnen einen mehrstufigen Auswahlprozess, in dem die Produktideen weiter geschliffen und ausgearbeitet werden. Den Finalisten und Finalistinnen stehen in einer Mentoring-Phase unterstützend Experten aus den Fachabteilungen der Mercedes-Benz AG für die finale Pitch-Präsentation auf der Mercedes me Convention im kommenden April 2021 zur Seite.

Ja, das nennt sich dann schon Convention, wiewohl man das auch als Kampf um einen Job verstehen könnte. Natürlich ist das Angebot von Vorteil für Menschen, denen die nötige Infrastruktur fehlt. Hier können sie sich im “betreuten Programmieren” von einem starken Partner helfen lassen. Denn für “Die Höhle der Löwen” haben Programmier-Codes zu wenig Unterhaltungswert. Aber wäre das nicht was für die ebenfalls angesprochenen Firmen mit den innovativsten und kreativsten Softwarekonzepten? Nach den juristisch und öffentlich ausgetragenen Fehden zwischen Autoherstellern und der Zulieferindustrie kann man Bedenken entwickeln, ob ein Recall in das Finale einem goldenen Los gleichkäme. Und schließlich sei noch auf die Zielvorstellung hingewiesen. Zitat:

Die Apps sorgen für die intelligente und emotionale Vernetzung von Fahrer und Fahrzeug und bündeln Produkte sowie Dienstleistungen, die über MBUX oder das Smartphone abgerufen werden können.

Schon vor Jahren wurde deutlich, wie spät die Autoindustrie kapiert hatte: Daten sind härter als Stahl; zumindest wenn man sie als Rohstoff oder Währung kalkuliert. Nun sind sie aufgewacht. Wer sein Auto in vollem Umfang nutzen will, der muss sich über die Server der Kfz-Hersteller in deren Netzen anmelden. Ganz bildlich erklärt drängen sich die Fahrzeughersteller über Apps zwischen das Smartphone des Fahrers und die Provider, um sich in die Datenströme einzuklinken und den Rohstoff abzugreifen. Denn wenn schon immer mehr Komfort und Service verlangt wird, dann doch bitte schön den hauseigenen und wenn möglich gegen Gebühr. Zugegeben: das MBUX von Mercedes hat Maßstäbe gesetzt, auch als die Sprachsteuerung 2020 plötzlich anfing, ihre Nutzer zu duzen. Voll krass, Alter ey.

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